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Streitkultur? Nicht mit uns!!!

Streitende. Von Inga Dünkelberg-Niemann
Streitende. Von Inga Dünkelberg-Niemann

UFOs, ein Reizthema. Die Ufologie und UFO-Forschung, eine emotionale Arena kampfbereiter Gladiatoren. Von Anfang an hat die  UFO-Frage auch eine Welle an hitzigen Auseinandersetzungen hervorgebracht. Positiver wie negativer Natur. In den meisten Fällen sind uns jedoch die Ausmaße ausufernden Streits und die persönlichen Angriffe in Erinnerung. Das Wort »Streit« allein weckt ja schon negative Assoziationen. Feindselige Auseinandersetzung, wer will das schon? Nun ja, ein Blick auf die UFO-Szene reicht, um Namen nennen zu können. Nicht wenige scheinen es darauf anzulegen, „mal ordentlich auf den Busch zu klopfen“ und einen Streit vom Zaun zu brechen. Man nennt das natürlich nicht so. Im Selbstverständnis hat alles seine Berechtigung.

Da ist man selbst und die im Gleichschritt nebenher laufenden Mitstreiter gerne die letzte Bastion gegen [frei wählbar, je nach Sichtweise]. Gegen den Rest der Welt. Verteidiger wahlweise der Vernunft und des kritischen Denkens oder der Offenheit alternativen Theorien gegenüber oder des eigenen Glaubens. Austauschbar. Unterschiede zwischen den Pro- und Antagonisten kaum noch festzustellen. Und wer ist wer? Selbstverständlich gehört man selbst immer zu den Guten. Aber man muss sich wehren, wenn »die Anderen« einen angreifen oder ihre ominösen Ansichten in die Welt tragen wollen. Man darf nicht zulassen, dass selbsternannte Skeptiker das UFO-Phänomen zu einer Himmelslaternen-Scharade erklären. Oder dass enthusiastische UFO-Fans den amtierenden US-Präsidenten mit Briefen bombardieren. Man muss etwas dagegen tun, wenn manche Menschen glauben, dass Aliens die Erde besuchen. Oder dass Standpunkte wie „für mich ist das UFO-Phänomen geklärt“ öffentlich verkündet werden. Notfalls werden Verbalschläge auch unter der Gürtellinie angesetzt. Da wo es am meisten weh tut.

Es mag – besonders nach außen hin – befremdlich wirken, wenn da welche ständig verbal die Keulen schwingen, auf der anderen Seite aber um Verständnis für das UFO-Thema heischen und wissenschaftlichen Ernst herbeisehnen. Außenwirkung, die so wichtig ist, wird ignoriert. Aber eigentlich nur von »den Anderen«. Man selber würde ja, wenn die Umstände es zuließen, sprich: wenn »die Anderen« endlich einlenken würden. Oder sich anderen Hobbies zuwenden würden. Dann könnten wir endlich in Ruhe forschen. Erkenntnisse aus der anhaltenden Himmelslaternen-Sichtungswelle ziehen. Oder Alien-Beweise finden. Oder die Regierung zwingen, zuzugeben, dass die freigegebenen UFO-Akten nur die präparierte Spitze des Eisbergs waren. Was auch immer.

Mir ist eigentlich egal, was der einzelne glaubt oder nicht. Wir haben schließlich Religionsfreiheit im Staat, genauso wie das Recht auf freie Meinungsäußerung. Komisch, dass das gerne für sich selbst vereinnahmt wird, es aber manchmal relativ schwer zu fallen scheint, dies auch seinen Mitmenschen zuzugestehen. In der UFO-Szene kommen viele mit anderen Meinungen eher schlecht zurecht. Die werden dann gerne mal verlächerlicht. Und die hinter der Meinung stehenden Personen gleich mit.

Und wo wir gerade bei den Grundrechten waren: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Nur mancher UFO-Szene-Akteur ignoriert das gerne. In aller Öffentlichkeit (meist im Internet) werden namentlich genannte Personen diffamiert und denunziert. Man spottet über Schulabschlüsse oder über das Erscheinungsbild einer Person. Man betitelt andere mit (un)lustigen Namen. Oder unterstellt Motive. Gerne bezichtigt man auch vorschnell der Lüge. Man wertet ab, diffamiert, wo es geht.  Übrigens: eine moderne Variante der Diffamierung ist das Mobbing. Lustig ist das nicht, auch wenn an der ein oder anderen Stelle der besseren Wirkung wegen ein Evergreen, ein Kalauer oder auch mal ein Witz aus der Pornoecke missbraucht werden. Nicht lustig. Eher stumpf.

Denn das alles geschieht nicht in der Form einer satirischen Auseinandersetzung, mit einem Eulenspiegel oder mit einem versteckten Augenzwinkern. Das hätte wenigstens Stil (und ist m.E., im Rahmen der o.g. Grundrechte, erlaubt). Nein, verfolgt man die gefahrene Linie genau, hat man das Gefühl, dies ist ein Angriff. Wenn der Hass regiert, titelte einst ein UFO-Szene-Akteur. Nur scheinbar kann man (fast) niemanden davon ausnehmen. Nichts als persönliche Anfeindungen, die rein gar nichts mit positivem Streit, mit Streitkultur zu tun haben.

Und genau das fehlt auf dem UFO-Feld: Streitkultur. Denn ein Streit (ein Wort, das durchaus negativ behaftet ist) muss nicht feindselig sein. Mit Streit ist zunächst einfach eine Uneinigkeit gemeint, unterschiedliche Standpunkte, verschiedene Meinungen zu einem Thema. Ein grundlegendes Prinzip übrigens der Demokratie. Streit gehört also dazu. Ist wichtig. Streitkultur zu besitzen bedeutet demnach, dass man den eigenen Standpunkt vertreten kann, ohne dem Anderen abzusprechen, dass auch er einen abweichenden Standpunkt besitzt und besitzen darf. Aus dieser Perspektive ist es in Ordnung eine Streitkultur in der UFO-Forschung zu fordern und zu bedauern, dass es eine solche nicht gibt. Vielleicht hier und da ein paar Ansätze, forciert von einigen wenigen Einzelpersonen. Respekt diesen einsamen Streitern gegenüber, aber diese Versuche einer Etablierung verhallen regelmäßig und gehen unter im Kampfgebrüll der Gladiatoren.

Da fällt mir ein, dass auch die USA unter Bush (von vielen auch in der politisch interessierten UFO-Szene zurecht kritisiert) gerne mal als »Bush-Krieger« auffielen. Im Selbstverständnis die Verteidiger der westlichen Welt, letztlich jedoch nichts weiter als menschenverachtende Kriegspolitik (stark vereinfacht ausgedrückt). Im Kleinen wie im Großen also, finde ich. Ein Wunder, dass der Begriff »Achse des Bösen« in der UFO-Szene noch keine Verwendung gefunden hat. Eine griffige Schubladenaufschrift. Nur blöd, wenn man selbst erst mal in eine Schublade, egal mit welcher Aufschrift, gesteckt wurde. Auch egal, ob man da überhaupt reingehört. Was nicht passt, wird passend gemacht. Zwangspositionierung mit dem Schubladensystem. Schubladen an sich sind zwar nicht schlimm, aber vielleicht sollte man sie wenigstens offen lassen. Nur zur Sicherheit, damit der Darinsitzende eine Chance hat. Widerspricht eben nur dem Bedürfnis, die Menschen in der eigenen Vorstellung einzubetonieren. Man muss sich schon (extrem) positionieren (lassen), das wünscht sich die Szene scheinbar: Pro oder kontra, entscheiden Sie sich jetzt! Und wer nicht für uns ist, ist gegen uns! Und wer sich liberal in der Mitte aufhält, fällt gleich unten durch.

Ich will mal Evelyn Beatrice Hall an dieser Stelle zu Wort kommen lassen:

„Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst.“ (Die Freunde von Voltaire, 1906)

Etwas überspitzt in diesem Zusammenhang, ja sicher. Leben einsetzen, na ja. Aber andererseits wurden auch schon Todesdrohungen gegen UFO-Skeptiker ausgesprochen. Umgekehrt ist mir bislang allerdings kein Fall bekannt. Sicher ist dieses, oftmals Voltaire zugeschriebene Zitat, auch nicht vorbehaltlos anwendbar. Aber der Grundsatz stimmt. Man wird ja wohl noch seine Meinung äußern dürfen.

Letztlich sollte es nur um die versachlichte UFO-Frage gehen. Darum, dem eigenen wissenschaftlichen Anspruch (sofern dieser nicht nur ein Aushängeschild ist) zu folgen. Man muss den anderen nicht lieben, aber man kann ihn respektieren. Ihn und seine Meinung. Man darf (und sollte) kritisieren, wo es angebracht ist. Man sollte offen und sachlich hervorgebrachte Kritik ruhig mal bedenken. Vielleicht ist ja was dran, an dem, was die eigenen Kritiker so sagen. Das gilt dann aber für alle in der Szene – Skeptiker und UFO-Befürworter, für jeden der seine Meinung äußert findet sich einer, der eine gegenteilige Ansicht vertritt. Und das ist auch gut so!

Manch einer wird entgegnen, dass man nicht jedem Quatsch Gehör verschaffen darf. Wo kämen wir denn da hin? Ein Rückschritt in der UFO-Forschung, meinen die einen. Blockade alternativer Theorien, beschweren sich die anderen. Und es gibt schließlich auch gefährliches Gedankengut. Richtig, gewisse Auswüchse und Ideen sind zu bekämpfen, jawohl. Dazu bemühe ich ein weiteres Zitat, diesmal von John Stuart Mill:

„Der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumischen befugt ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.“ (On Liberty, 1859)

Um jedoch festzustellen, ob und inwieweit eine Gefahr  ausgeht (etwa für die Gesellschaft? Oder nur für die eigene bevorzugte Theorie?) von den Gedanken »der Anderen«, muss man sich mit ihnen befassen. Ein Dialog kann da behilflich sein. Auch ein Streit im Sinne der Streitkultur. Sehr gerne. Prüfen von Argumenten und fundiert dagegenhalten, wenn es notwendig ist. Super Idee. Diskutieren bis der Arzt kommt und möglichst wenig beleidigend und beleidigt sein. Das wäre schön.

Aber mit der verbalen Streitaxt in der Hand, statt mit Streitkultur im Herzen nicht mehr als eine Idee.

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