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Nichts dran und nichts drin: Die Dotwin-Verschwörung

Wer kennt sie nicht, die kleinen niedlichen Dotwins, die mit großen Augen und süßer Stimme „Bring mich ins Licht“ piepsen? Die groß angelegte Werbeaktion des Privat-Senders Pro7 zusammen mit McDonalds, Shell, T-D1 und Deutsche Bank 24 ist voll in Gange. Für etwa 5 Minuten erscheint in der oberen linken Ecke ausgewählter TV-Sendungen des Senders ein kleiner roter Punkt. Auf diesen wird der Dotwin, der vorher seiner lichtundurchlässigen Folie auf der Rückseite entledigt (aber aufbewahrt) wird, aufgeklebt und bis zum Ende der Sendung an dieser Stelle belassen. Umschalten verboten! Dafür gibt´s Gewinne satt. Klingt lustig, aber…

Die Verschwörungstheorie

… sofort wurde gemutmaßt, dass die kleinen Dotwin-Pappaufkleber nicht nur das an Daten einspeichern, was sie sollen (nämlich die Gewinner), sondern auch den ahnunglosen TV-Konsumenten über sein Alltagsleben und seine TV-Gewohnheiten mittels hochkomplizierter Chip-Technik ausspioniert. Big Brother lässt grüßen.

Es gab ganz konkrete Vorstellungen in den Dikussionsforen des Internet, wie das Ganze von statten gehen soll:

„Seit einigen Tagen sind in ganz Deutschland die sogenannten Dotwins im Umlauf. Die von Pro Sieben, T-D1, McDonald´s, Deutsche Bank 24, der BILD-Zeitung und Shell beworbenen Werbeartikel werden unter dem Deckmantel eines Gewinnspiels kostenlos abgegeben. Zur Teilnahme wird der Benutzer aufgefordert, den Dotwin während einer bestimmten Sendung an die Oberfläche seines Fernsehbildschirms zu kleben. Durch das Licht aus der Bildröhre wird ein elektronischer Chip im Innern des Dotwins aktiviert, der von diesem Augenblick bis zum Ende der Sendung Unmengen von Informationen sammelt. Gesteuert wird der Dotwin von einem CC128-A4 Controller, entwickelt von der Siemens-Tochter Infineon im Auftrag der niederländischen Fernseh-Forschungs- Gruppe „tv miles international“, die sich auf professionelles Kundenprofiling spezialisiert hat. Der Chip ist eine kostengünstiger Nachbau des i440-128, einem amerikanischen Fabrikat, das laut Polizeiangaben von Industriespionen eingesetzt wird. Da der i440-128 in Europa verboten ist, und aus den erwähnten Kostengründen ist die Dotwin Kampagne vermutlich auf den CC128-A4 ausgewichen. Die Stromversorgung wird über sechs Kollektorflächen auf der Unterseite des Dotwins sicher gestellt. Jede der Flächen hat zwei Belichtungs-Öffnungen in der Papphülle. Durch die Energieunterschiede zwischen den beiden Öffnungen wird das Steuersignal für den Controller auswertbar. Auftreffendes rotes Licht wird in elektrische Ladung umgewandelt, der Großteil dient dazu, den Controller zu betreiben, über die Wellensignatur wird der Controller angesteuert. Dadurch, dass die komplette Software nicht auf dem Chip gespeichert wird, sondern zur Laufzeit durch das Fernsehsignal eingespielt wird stehen die kompletten 128 Kilobyte Speicher des CC128-A4 für die Kundendaten zur Verfügung. Dass nur Pro Sieben solche Signale einspeist ist nicht korrekt, tatsächlich wird das Signal durch die deutsche Telekom, die sich durch ihre Tochter T-D1 an der Unternehmung beteiligt direkt in den Satelliten und Kabelnetzen generiert. Umschalter werden also ebenso abgehört. Gespeichert wird eine digitale Bildröhrensignatur, aus der man technisch das Modell des Fernsehgerätes ableiten kann. Die Membran auf der Oberseite ist nicht nur eine Schutzabdeckung, sondern ist an drei Stellen mit einem DA-Wandler verbunden. Dadurch wird theoretisch eine Audio-Aufzeichnung möglich, was aber aufgrund des geringen Speichers unwahrscheinlich ist. Wahrscheinlicher ist es, dass anhand der Stimmprofile gespeichert wird, wie viele Personen sich zu welcher Zeit vor dem Fernsehgerät befunden haben. Besonders schnell zu spüren bekommen Schwarzseher diesen Lauschangriff. Die Adressen der Teilnehmer werden komplett an die GEZ abgetreten, wo ein Abgleich mit der vorhandenen Datenbank erfolgt. Betroffene erhalten schon vier Tage nach dem Absenden des Dotwins amtlichen Besuch. Von einer anderen Datenauswertung sind jedoch alle betroffen: Nicht umsonst sind die aufgeführten Firmen Gesellschafter dieser Aktion, alle sind sie Marktführer oder gehören zu einem marktbeherrschenden Konzern. Die Computer die die Kundendaten mit den Dotwin Daten zusammen auswerten wissen vielleicht bald mehr über uns, als wir selbst. Wenn dieser Versuch erfolgreich ist, werden wir wohl bald einer ganzen Schwemme von Lausch-Werbegeschenken ausgesetzt sein. Darum rufen wir hiermit zum Boykott der Dotwin-Aktion auf! Wir müssen die Augen offen halten, denn während die Konzerne mehr und mehr über uns wissen, erhalten wir immer weniger Informationen über deren Geschäfte. Irgendetwas ist faul in diesem Land!“

Nichts als Panikmache

Auf dem Heise-News-Ticker kam zum Glück alsbald die Aufklärung:

„Ein Werbegag des TV-Senders ProSieben hat in den vergangenen Tagen für die Verbreitung einer Verschwörungstheorie gesorgt. Auslöser der Spekulationen sind kleine Pappscheiben, die von Zuschauern während spezieller Sendungen an die Mattscheibe geklebt werden müssen. Diese so genannten Dotwins berechtigen zur Teilnahme an einem Gewinnspiel. Preise soll es aber nur geben, wenn die Zuschauer die Sendung bis zum Ende ansehen. Nach Berichten von Usern einiger Internet-Boards sollen Dotwins allerdings mehr Innenleben enthalten, als dem Publikum lieb sein kann. Verschiedene im Internet verbreiteten gestern die Nachricht , die von ProSieben gestartete Aktion würde dem Ausspionieren der Fernsehzuschauer dienen. Ein mit CC128-A4 bezeichneter Spionage-Chip der Siemens-Tochter Infineon sei entgegen der Aussage von Pro Sieben das eigentliche Kernstück der lichthungrigen Pappscheibe. Über die Kabelnetze könnten dann sowohl Fabrikat und Typ des verwendeten Fernsehgerätes, als auch die Anzahl der Zuschauer, die vor der Glotze hocken von ProSieben ermittelt werden. Besonders schlimm sollte es danach den Schwarzsehern gehen, da alle „Dotwin“-Adressen an die GEZ übermittelt würden. An der „Verschwörung“ seien außer ProSieben auch alle Werbepartner wie T-D1, Shell und McDonalds beteiligt. Auch bei heise online meldeten sich Leser, die sich nach dem Wahrheitsgehalt der Geschichte erkundigten. Ein in die Redaktion mitgebrachter und sezierter Dotwin brachte schnelle Aufklärung: Außer Pappe und Plastik sind keine weiteren Teile enthalten, weder ein Chip noch sonstige Elektronik. Für ProSieben hat sich die Aktion auch ohne Spionage-Chip gelohnt. Wenn eine Dotwin-Sendung läuft, verzichten dem Vernehmen nach viele Zuschauer auf das sonst übliche Zappen. (siehe hierzu auch Telepolis-Artikel: „Führ mich hinters Licht“ ) (Quelle: Heise)

Was ist ein Dotwin?

Der Aufbau wir auf der Webseite von Pro7 beschrieben, was sich ja sehr leicht nachprüfen lässt:

„Der patentierte DOTWIN besteht aus einer Scheibe (38 mm Durchmesser) aus umweltfreundlichem, recyceltem Altpapier mit verschiedenen Filmschichten. Die Rückseite ist mit einer lichtundurchlässigen Schutzfolie abgedeckt. Die Pappschicht des DOTWINs ist perforiert: Das zentrale Loch dient als Orientierungshilfe für die Ausrichtung am Bildschirm, die 12 dezentralen Löcher funktionieren bei der Belichtung ähnlich wie die Linsen einer Fotokamera.

Darunter liegt ein Film, der aus einer Vielzahl von Schichten aufgebaut ist siehe silberne Folie direkt unterhalb des Logos der einzelnen Kooperationspartner). Sobald der DOTWIN am Bildschirm platziert ist, reagieren die magentafarbenen Punkte des Films unterhalb der Linsen – ohne zusätzlichen Entwicklungsprozess – und ändern ihre Farbe und Zusammensetzung.

Der DOTWIN enthält keinen Chip!

Jeder, der sich selbst vergewissern will, kann dies leicht überprüfen, indem er den DOTWIN in seine einzelnen Bestandteile zerlegt. Die Firma Infinion war zu keinem Zeitpunkt an der Entwicklung des DOTWINs beteiligt. Nur die Adressdaten der Gewinner werden erhoben und gespeichert, damit diese informiert werden können. Weitere Daten werden weder erfaßt, gespeichert noch weitergegeben.“

Laut Pro7 funktioniert der Dotwin so:

„Am Anfang einer DOTWIN-Sendung erscheint als Platzierungshilfe am oberen linken Rand des Bildschirms für fünf Minuten ein roter Punkt. Der DOTWIN wird so angebracht, dass der rote Punkt durch das zentrale Loch des DOTWINs sichtbar bleibt und die rote Spitze senkrecht nach oben zeigt. An der Platzierungsstelle des DOTWINs werden neben dem Fernsehsignal zusätzliche RGB-Signale gesendet, auf die die Belichtungsschicht nun reagiert.Jeder Filmsektor innerhalb der 12 Linsen verändert sich individuell, je nach Intensität der darunter liegenden Bildsignale. Während einer DOTWIN-Sendung findet in jedem DOTWIN ein fortlaufender Prozess statt; Farbe und Zusammensetzung des Films werden in jedem einzelnen Bereich je nach Bildsignal unterschiedlich verändert. So findet bei den verschiedenen DOTWIN-Sendungen jeweils eine andere Aktivierung statt.“

Aktion: Warnung der Opfer

Eine ausgezeichnete Methode, die hinters Licht geführten TV-Konsumenten zu warnen, ist die allseits beliebte und vor allem im Internet praktizierte Methode der Kettenmails. Dabei werden scheinbar brisante Informationen (hier eben über die Dotwin-Spionage-Methode) als Mail verschickt,wobei jeder Empfänger es an seinen gesamten Adressbuchinhalt verschicken soll. Auf diese Weise verbreitet sich die Warnung in Windeseile. Ursprung zumeist unbekannt.

Dies ist auch im Dotwin-Fall geschehen, wie mich Andreas Marechal von der IGP Berlin informierte. Diese Kettenmails sollten am besten sofort gelöscht werden und keine weitere Beachtung finden. An der Verschwörungtheorie ist nicht das geringste dran und in dem Dotwin nicht das geringste drin… reine Zeitverschwendung.

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