Bekanntheit von und Zustimmung zu Verschwörungstheorien

Titel wissenschaftlicher Publikationen sind oft ein bisschen sperrig, haben dabei aber den Vorteil, meist genau zu beschreiben, worum es im Buch geht. Ganz ohne reißerische Umschreibungen und übertriebene Eyecatcher. So auch das im JMB-Verlag erschienene „Bekanntheit von und Zustimmung zu Verschwörungstheorien – eine empirische Grundlagenarbeit“ von Sebastian Bartoschek. Das ist genau, worum es geht: die Frage, welche Verschwörungstheorien im Schnitt eigentlich bekannt sind und darüber hinaus – und das ist das Besondere an der Lektüre – welchen Theorien obendrein zugestimmt wird. Die Differenzierung zwischen Bekanntheit und Zustimmung ist so offensichtlich, dass es dazu bislang scheinbar noch keine empirischen Arbeiten gegeben hat, zumindest nicht in der vorliegenden Form. Herr Bartoschek erhielt für die Grundlagenforschung und seine schriftliche Arbeit darüber die Doktorwürde philosophiae.Eine Inaugural-Dissertation zur Erlangung des Doktorgrades im Fachbereich Psychologie und Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster mit Verschwörungstheorien auf 347 Seiten. Der Autor Bartoschek beginnt wie es sich gehört mit der Definition des Untersuchungsgegenstandes. Was eigentlich sind Verschwörungstheorien? Oder zunächst: Was ist eine Verschwörung, was eine Theorie? Die Definition des Hauptgegenstandes, der Verschwörungstheorie, gestaltet sich nicht einfach. Versuche derer gibt es viele – der Autor legt somit fest, dass im Rahmen der vorliegenden Arbeit

unter einer „Verschwörungstheorie“ (VT) jeder Versuch verstanden [wird], ein Ereignis, einen Verlauf, eine Überzeugung oder einen Zustand durch das zielgerichtete heimliche Wirken einer Gruppe von Personen zu erklären zu erklären.

rezension_bekanntheit-zustimmungVT.jpgWas dann folgt, ist ein Überblick über den Stand der Forschung (Kapitel 3) und die Formulierung von 12 Hypothesen (Kapitel 4), die mithilfe der empirischen Arbeit überprüft werden sollen. Erläutert wird die Methodik (Kapitel 5), inklusive Items und Skalen der für die Untersuchung verwendeten Fragebögen – sehr transparent also, formal wie inhaltlich eine gute wissenschaftliche Arbeit. Bartoschek verschweigt dabei nicht mögliche Kritikpunkte und Schwächen, nimmt gar eine Einschätzung der Objektivität innerhalb der Untersuchung vor. Dies hebt die Arbeit von vielen anderen Veröffentlichungen in der von Privatpersonen betriebenen Grenz-/Parawissenschaft ab; auf diesem Gebiet ist eine wissenschaftliche Herangehensweise an durchaus nicht uninteressante Fragestellungen im Bereich außergewöhnlicher menschlicher Erfahrungen leider nicht selbstverständlich – eine Ausnahme stellt hier die wissenschaftlich orientierte Anomalistik dar, deren entscheidenes Merkmal es gerade ist, nach wissenschaftlichen Spielregeln vorzugehen.

Des Weiteren macht die Lektüre deutlich, dass zwar die Kernfrage der Korrelation von Bekanntheit und Zustimmung gewidmet ist, aber bei weitem noch mehr als diese, nicht weniger interessante Daten abfallen. Dies drückt sich auch in der Thesenbildung aus – etwa die Einflüsse von Religion, Einsamkeit und politisch extreme Positionen auf die Zustimmung zu VTs. Hier lassen sich durchaus Argumente ableiten zu zahlreichen in den Medien verbreiteten Vorurteilen; man bekommt Material an die Hand, was allein schon ein Verdienst ist.

Sehr interessant ist es zu sehen, welche Verschwörungstheorien überhaupt nach welchen Kriterien in der Arbeit benannt und verwendet wurden. Einige davon sind weitläufig bekannt, ja inzwischen gar in der Popkultur angekommen (JFK, Elvis lebt, Roswell-UFO-Absturz) – andere sind hingegen weniger bekannt (Bill Gates ist tot, Kondomlüge, Monroe-LaVey-Affäre) und weitere würden ggf. gar nicht (oder nicht mehr) in den Kontext von Verschwörungstheorien eingeordnet, inbesondere dann wenn außer Frage zu stehen scheint, dass sie wahr sind (vielleicht: Sekten-Psycho-Kontrolle, E-Mail-Überwachung, geplante Obsoleszenz am Beispiel v. Phoebus). Der Autor macht dabei aber aufmerksam, dass die Einordnung eines Ereignisses, einer Überzeugung etc. als Verschwörungstheorie nichts über den Wahrheitsgehalt derselben aussagt. Die Beurteilung des Wahrheitsgehaltes ist auch nicht Gegenstand der vorliegenden Arbeit, dennoch ist es wichtig zu wissen, dass manche VTs durchaus wahr sein können (z.B. der Mord an Julius Cäsar, die flächendeckende Überwachung der Bevölkerung durch Geheimdienste etc.).

Im UFO- sowie ET-Kontext finden sich die folgenden Themen:

  • Alien-Landung
  • Roswell
  • UFO-Schweigen
  • Präastonautik
  • Alien-Kontakt
  • Nazi-UFOS
  • Mond-Basen
  • Reptilien-Aliens

Ufologen/UFO-Forschern dürften die meisten, wenn nicht sogar alle VTs aus dem Ufologie-Kontext bekannt sein; deren Zustimmung dürfte unterschiedlich ausfallen. Eine explizite Untersuchung dazu fände ich interessant. Wie die Verteilung von Bekanntheit und Zustimmung der Ufologie-Alien-VTs in der vorliegenden Untersuchung unter den Befragten aussieht, lässt sich aber ablesen. Es verwundert nicht, dass die Items „Alien-Landung“ (Rang 10), „Roswell“ (Rang 11) und „UFO-Schweigen“ (Rang 28) durchaus recht weit bekannt sind; einige andere sind eher im Mittelfeld oder abgeschlagen. Bei der Zustimmung sieht es schon anders aus, hier beginnt es erst im Mittelfeld: Nazi-UFOs (Rang 48), UFO-Schweigen (Rang 51), Roswell (Rang 55). Reptilien-Aliens hingegen kennt kaum einer (Rang 83) und glaubt auch kaum einer (Rang 91). Für UFO-Forscher sind diese Fragen – je nach Forschungsschwerpunkt sehr interessant. Und es ist nicht selten, dass UFO-Forscher sich auch noch mit weiteren VT-Themenfeldern befassen, die in dem Buch ebenfalls abgehandelt werden.

Die Dissertation von (nunmehr Doktor) Sebastian Bartoschek ist ein sehr wertvoller Beitrag zur Beschäftigung mit Verschwörungstheorien. Sie kann und sollte der Grundstein sein für weitere Forschungen in diese Richtung sein. Der interessierte Leser muss sich jedoch darauf einstellen, dass die Lektüre in einem nicht für jedermann verständlichen Duktus abgefasst wurde. Die Kenntnis von Fachbegriffen, statistischer Zusammenhänge und auch psychologischer Sachverhalte wird vorausgesetzt – dennoch, wer sich für Verschwörungstheorien interessiert, sollte sich das Werk zulegen.

About T.A. Günter

T.A. Günter ist Mitglied der GEP und wohnhaft bei Hamburg. Nach einigen Jahren als Falluntersucher (CENAP/GEP) schreibt er heute nur noch als Beobachter der UFO-Szene.

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