Ein Interview mit Dr. Axel Stoll

Muss man wissen!Ende 2013 erschien im JMB-Verlag in Buchform ein Interview mit Dr. Axel Stoll unter dem Titel „Muss man wissen!“. Das 226 Seiten umfassende Buch ist ein wahrlich eigentümliches Werk: Es betrachtet einen Menschen, lässt ihn ausführlich zu Wort kommen, den Leser selbst ein Urteil bilden. Dazu mit an die Hand gegeben: über 180 Fußnoten, die sich auf das Gesagte beziehen, es kommentieren und richtig stellen. Am Ende die Überlegung, ob eine sinnhaft in die Persönlichkeit integrierte psychische Erkrankung hinter allem steht. Das Buch verurteilt nicht, es betrachtet, versucht allenfalls am Ende eine Kategorisierung vorzunehmen. Auf Grundlage des geführten Interviews, ergänzend zum Buch, ist der nun produzierte Dokumentarfilm ein weiter Baustein. Buch und Film widmen sich einem Menschen und seiner Welt aus Pseudowissenschaft, rechtsesoterischen Ideen und Verschwörungstheorien. Der so betrachtete Mensch ist Dr. Axel Stoll.

Wer ist Dr. Axel Stoll?

Wie vielfach heute üblich kann man an erster Stelle nachsehen, was die Wikipedia dazu hat:

Axel Stoll (* 30. Oktober 1948 in Berlin; † 28. Juli 2014 ebenda) war ein deutscher Verschwörungstheoretiker der rechtsextrem-esoterischen Szene. In seinen Werken kombinierte Stoll Pseudowissenschaft und verschiedene Verschwörungstheorien vor allem im Zusammenhang mit der Zeit des Nationalsozialismus. Bekanntheit erlangte er durch veröffentlichte Aufzeichnungen seiner Vorträge auf YouTube sowie durch verschiedene Interviews.

Ihn, wie manche, einfach als YouTube-Phänomen zu bezeichnen, griffe jedoch zu kurz, auch wenn das Internet-Portal ihm eine gewisse Art von Popularität verschafft hat. Tatsächlich, auch Leute, die ansonsten mit Verschwörungstheorien nicht viel am Hut haben, kennen ihn oft. Spott über den skurilen Kauz, der geifernd sein Weltbild am Stammtisch erklärt. Einige seine Ausrufe („Silenzio!“, „Muss man wissen!“, „Wer wusste es? Wieder keiner.“) sind geflügelte Worte und Gegenstand mancher Internetmeme. So kennt man Axel Stoll. Beim Weiterempfehlen von YouTube-Links geht es dann um die Person Stolls, sein Habitus als Zielscheibe des Spotts, seltener um die Inhalte. Auf die Frage, ob ich denn wisse, wer Axel Stoll ist, empfehle ich meist „Muss man wissen!“

Der Film zum Buch – und umgekehrt

Ein Interview mit Dr. Axel StollDas gesamte Interview, geführt von den Psychologen Sebastian Bartoschek und Alexander Waschkau, wurde auf Video aufgezeichnet. Neben dem Gedächtnisprotokoll der Autoren die Grundlage für das Buch. Nun wurde das Material für einen Film aufbereitet. Die ca. einstündige Dokumentation soll offiziell am 28. Juli 2015 erscheinen, dem ersten Todestag von Dr. Stoll. 10 Monate nach dem Interview ist er in Berlin verstorben. Und natürlich sind auch die Todesumstände von Verschwörungstheorien begleitet. Zurück bleiben zahlreiche Aufnahmen und Monologe von Stolls Neuschwabenland-Treff auf YouTube, die Sequenzen mit ihm aus den Dokumentationen „Die Mondverschwörung“ (Thomas Frickel, 2011) und „Die Arier“ (Mo Asumang, 2014) sowie nun „Ein Interview mit Dr. Axel Stoll“ (Sebastian Bartoschek/Alexander Waschkau/Christoph Koch, 2015). Letzte naturgemäß am intensivsten.

Film und Buch unterscheiden sich in gewissen Punkten von einander. So kommen Aussagen im Film vor, die im Buch fehlen und umgekehrt. Das Material ergänzt sich damit. Dennoch kann man durchaus bestimmte Passagen einfach so im Buch mitlesen, während der Film läuft. Anders als im Buch: Das filmische Interview als solches steht (fast) für sich alleine – weder wird anfangs Stoll überhaupt vorgestellt oder über Motivation der Autoren und Werdegang der Vorbereitung informiert, noch macht der Film den Versuch, im Kontext von Stolls Aussagen und Behauptungen die Frage zu beantworten, ob dieser psychisch gestört sei. Dr. Stoll spricht und das soll für sich sprechen.

Experten fallen Stoll ins Wort

Das Buch „Muss man wissen!“ kommentiert einige der Behauptungen Stolls mit zahlreichen, oft langen Fußnoten. Der Film hingegen durchbricht den Redefluss Axel Stolls durch die Einblendungen von Experten-Sequenzen. Namentlich sind es Dr. Holm Hümmler (Physiker), André Kramer (UFO-Forscher), Julius Hagen (Jurist), Patrick Schuchert (Historiker), Marcel Dreckmann (Kulturanthropologe) und Reinhard Remford (Dipl.-Physiker), die Stellung nehmen zu einigen der Ausagen des Dr. Stoll. Sogar Erich von Däniken äußert sich zu der Behauptung des Doktors, sie würden sich sehr gut kennen und hätte bereits Gespräche geführt. Es muss wohl nicht weiter erwähnt werden, dass die Experten Stoll selten bis gar nicht zustimmen können.

André KramerDa Axel Stoll sich thematisch auch an einem Randgebiet der UFO-Forschung vergriffen hat, nämlich den sogenannten Reichsflugscheiben, ist André Kramer als Sprecher der Gesellschaft zur Erforschung des UFO-Phänomens (GEP) dabei. Hier wird erklärt, welchen historischen Hintergrund diese Reichsflugscheiben haben und woher der Begriff Vril stammt. Zur Sprache kommt auch die Distanzierung der GEP von rechtsesoterischen Inhalten.

Kramer, selbst Autor eines Buches zum Thema Verschwörungstheorien, UFOs, Atlantis und Paläo-SETI im Lichte rechtsextremer Unterwanderung, rezensierte zuvor auch „Muss man wissen!“ in der Zeitschrift für Anomalistik. Seine Besprechung ist dabei durchaus mit Kritik versehen, das Buch wird aber grundsätzlich als lesenswert erachtet und für die Fairness der Autoren gelobt:

Beim Titel „Muss man wissen!“ handelt es sich durchaus um ein lesenswertes Buch, das positiv durch den insgesamt doch fairen Umgang mit der kontroversen und auch skurril anmutenden Person Axel Stoll auffällt, stellenweise aber zu oberflächlich in seiner Analyse und den Recherchen erscheint.

Der Mehrwert des Films als Ergänzung zum Buch besteht eindeutig darin, die Person Axel Stolls agieren zu sehen, sprechen zu hören, Mimik, Gestik – aber auch die Interviewer selbst. Es macht um ein vielfaches mehr betroffen, als wenn man nur in Schriftform vor sich hat, wie dieser Mensch seine Thesen von sich gibt, ruhig und durchaus darum bemüht einen guten Eindruck zu machen.

Mit der Laufzeit von ca. einer Stunde haben die Macher ebenso eine gute Wahl getroffen. Stoll über längere Zeit zuzuhören erweist sich durchaus als anstrengend, das Geschwurbel ist nicht leicht zu ertragen (außer sicher für Stoll-Anhänger).

Was fehlt

Ein kurzes Eingangsstatement, eine Vorstellung der Person Axel Stoll, vielleicht auch eine kurze Beschreibung der Intention zu diesem Film hätte ich für den Anfang gut gefunden – vor allem für jene Zuschauer, die die Dokumentation losgelöst von dem gewohnten Kontext ansehen, vielleicht irgendwann einmal zur Primetime auf ARTE. Hier verlassen sich die Macher etwas zu sehr auf den derzeitigen Bekanntheitsgrad des Dr. Stoll, ignorieren jedoch dabei, dass dieser vergänglich sein muss – das nimmt dem Film eine mögliche Zeitlosigkeit. So bleibt der Film leider immer nur Zusatzmaterial, kann nicht auf eigenen Beinen stehen.

Fazit

Ein sehenswerter Dokumentarfilm. Auf Dr. Axel Stoll muss man sich dabei einlassen – so wie die Autoren es getan haben. Das fällt etwas schwerer, präsentiert er sich doch hier nicht ganz so wie man ihn auf YouTube erleben kann – der Fokus muss sich unweigerlich auf die Inhalte richten. Der hier gezeigte Stoll erscheint als gebrechlich wirkender alter Mann, dessen Thesen einem das Lachen im Hals stecken bleiben lassen.

Zunächst im Buch und nun in bewegten Bildern mit Ton ist es den Autoren gelungen, Dr. Axel Stoll als Menschen zu zeigen ohne ihm auf den Leim zu gehen und zu verbergen, welche menschenverachtende Ideologie seinen Gedanken entspringt. Beide Medien – Buch und Film – ergänzen sich hier und bringen jeweils neue Aspekte mit. Wer Interesse hat an Verschwörungstheorien und den Akteuren dieser speziellen Szene erhält mit Buch und Film sehr wertvolle Einblicke in Gedankenwelten, die vielen in dieser Form befremdlich und erschreckend scheinen. Zu recht – aber kein Grund so zu tun, als gäbe es sie nicht. Allein deshalb ist der Beitrag wertvoll.

Homepage zum Film „Ein Interview mit Dr. Axel Stoll“

About T.A. Günter

T.A. Günter ist Mitglied der GEP und wohnhaft bei Hamburg. Nach einigen Jahren als Falluntersucher (CENAP/GEP) schreibt er heute nur noch als Beobachter der UFO-Szene.

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