UFO-Forschung vs. Prä-Astronautik

In einem Video seines YouTube-Channels stellte der Grenzwissenschaftsautor Lars A. Fischinger im August 2014 die Frage „Bis wann spricht man von Prä-Astronautik und ab wann von der UFO-Forschung?“ Ich finde diese Frage durchaus interessant und nicht so leicht zu beantworten, wie es auf den ersten Blick vielleicht erscheint.

Das Video


Veröffentlicht am 28.08.2014
Die Prä-Astronautik- und Ancient Aliens-Idee sucht nach „Vorzeit-Astronauten“ oder eben die Raumfahrer der Antike. Die UFO-Forschung jagt (natürlich) dem Phänomen der UFOs hinterher. Aber ab wann genau spricht man von 2UFO-Foraschung“ und bis wann reicht eigentlich die „Vorzeit-Raumfahrt“? Gibt es eine Art Trennlinie?

HALLO, liebe Freundinnen & Freunde des Phantastischen!

1957 schickte die UdSSR die kleine Raumsonde „Sputnik 1“ in eine Erdumlaufbahn. Nur vier Jahre später folgte der Russe Juri Gagarin als erster Menschen im All. Das Raumfahrtzeitalter der Menschheit begann.
Doch wenn wir es genau nehmen, dann würde die Prä-Astronautik spätestens dann „enden“. Alle Hinweise, Indizien und Spekulationen, die aus den Jahren nach Gagarin stammen – wie eben die UFO-Phänomene – wären keine Prä-Astronautik mehr.

Sind also Prä-Astronautik-Forscher strickt von UFO-Forschern zu trennen?

Was ist Prä-Astronautik?

Es kommt hier meines Erachtens auf die Perspektive an, wie man den Unterschied für sich deutet. Die UFO-Forschung selbst ist hierbei eine Variable, während die Prä-Astronautik (auch bekannt als Paläo-SETI [1] konstant verstanden werden kann als

der Versuch, den Nachweis zu erbringen, dass außerirdische Intelligenzen in vergangenen Erdzeitaltern, inbesondere in der Frühzeit der Menschheit die Erde besucht und die menschliche Zivilisation beeinflusst oder sie geschaffen haben.

Vorannahmen der Prä-Astronautik

Die folgenden, aufeinander aufbauenden Vorannahmen werden innerhalb der Prä-Astronautik als gegeben vorausgesetzt und sind dort unstrittig (Konstante):

  1. Intelligente extraterristrische Lebewesen existieren.
  2. Diese beherrschen eine interstellare Raumfahrt und betreiben oder betrieben diese aktiv.
  3. Dabei haben sie bereits der Erde besucht und aktiv in die geschichtliche Entwicklung der Menschheit eingegriffen, die Menschheit vielleicht sogar erst erschaffen. Entsprechende Nachweise und Spuren finden sich in allen Kulturen in Form von Artefakten und Überlieferungen von Begegnungen mit Göttern und anderen fabelhaften Wesen.

Diese Vorannahmen als Kausalkette mögen innerhalb der eigenen Disziplin unstrittig sein, sie stehen aber auf ausgesprochen wackligen Füßen, sind nicht zwingend. Wenn sich nur eine dieser Vorannahmen im Verlauf der Kette als unwahr herausstellt, dann werden sämtliche folgenden Punkte und damit die gesamte Paläo-SETI-Idee ad absurdum geführt. Für keinen der genannten Punkte gibt es Beweise, wenngleich – und das ist der Knackpunkt – im Zuge von Punkt 4 bestimmte Frühzeit-Artefakte und Überlieferungen im Sinne der Paläo-ETH [2] gedeutet und mindestens als Indizien für die Richtigkeit dieser Hypothese angesehen werden, d.h. die Beweiskette läuft rückwärts:

WEIL es Artefakte und Überlieferungen gibt, die von den Beteiligten nicht herkömmlich/irdisch gedeutet werden (möglicherweise auch aufgrund des allgemeinen derzeitigen oder persönlichen Kenntnisstandes), MÜSSEN die Annahmen der Existenz Außerirdischer, über deren Befähigung zur interstellaren Raumfahrt bis zur angenommenen Tatsache von Besuchen auf der Erde ZWINGEND wahr sein.

Davon unabhängig, diese Kausalkette von Grundannahmen sind in der Paläo-SETI-Szene common sense und damit weitgehend unstrittig. (Daher bezeichne ich dies eben als Konstante.)

Kategorien der UFO-Forschung

Anders sieht es in der UFO-Forschung aus. Zwar ist es unzweifelhaft, dass es immer wieder Menschen gibt, die Phänomene am Himmel sehen, welche sie sich persönlich nicht erklären können – in diesem Sinne ist die Existenz von UFOs im weiteren Sinne ebenfalls völlig unstrittig – jedoch ist die Deutung dieser Phänomene und ihrer Natur ein äußerst akutes Streitthema. Verschiedene Akteure der UFO-Szene und deren Vorgehensweisen und Hypothesen lassen sich recht unterschiedlich einordnen. Ein wenig willkürlich teile ich es mal wie folgt auf:

  • eine ETH-Ufologie, die UFOs im Sinne einer Manifestation Außerirdischer oder außerirdischer Fluggeräte auf der Erde ansieht. [3].
  • eine wissenschaftlich-kritisch ausgerichtete UFO-Forschung, die weitgehend ohne feste Vorannahme, d.h. in einer phänomenologischen Vorgehenseise, das Phänomen der UFO-Meldungen untersucht.
  • eine UFO-Negation, die zwar das Vorkommen von UFOs im weiteren Sinne akzeptiert, jedoch UFOs im engeren Sinne, insbesondere wenn diese mit einer ETH-Deutung versehen werden, ablehnt.

Vorannahmen der ETH-Ufologie

Innerhalb dieser ETH-Ufologie gibt es ebenfalls aufeinander aufbauenden Vorannahmen, die anfangs nahezu deckungsgleich mit denen der Prä-Astronautik sind, jedoch nicht in der gesamten UFO-Szene (mit der o.g. Unterteilung), sondern eben nur in dieser Sub-Szene unstrittig sind (Variable 1):

  1. Intelligente extraterristrische Lebewesen existieren.
  2. Diese beherrschen eine interstellare Raumfahrt und betreiben diese aktiv.
  3. Sie besuchen die Erde aktuell. Entsprechende Nachweise und Spuren finden sich in Form von Zeugenaussagen, Foto- und Filmmaterial, Landespuren, Radarauswertungen etc.

Legt man jedoch für die UFO-Forschung die allgemein anerkannte Definition des Untersuchungsgegenstandes, also des UFO-Begriffs, von J. Allen Hynek von 1972 zugrunde [4] und erweitert diese um den Nachsatz aus dem Grundkonsens der deutschen UFO-Forschung von 2004 „das Kürzel UFO […] hat für UFO-Forscher keinen darüber hinausgehenden Bedeutungsüberschuss“ [5], dann verschwindet der ETH-Bezug.

Für ETH-Ufologen kann das nicht gelten, sie müssen aus ihrer Selbstdefinition heraus, die genannten Vorannahmen der ETH-Ufologie als zwingend verstehen. Dies ist innerhalb von Meinungsfreiheit durchaus legitim, und soll hier nicht bewertet werden. Das Verständnis dafür ist jedoch äußerst wichtig für die Beantwortung der Ausgangsfrage. Innerhalb der von Fischinger gestellten Frage macht es folglich nur Sinn, zwischen der Prä-Astronautik und der ETH-Ufologie zu vergleichen. Die ETH-Ufologie ist sozusagen das Bindeglied zwischen dem modernen UFO-Phänomen und den Ancient Aliens. Soweit so gut.

Immer genau zu definieren: Was verstehe ich persönlich unter UFO-Forschung

Hier wird bereits deutlich, dass man ein Problem bekommen kann, wenn man die Ausgangsfrage stellt ohne näher zu definieren, was man unter „UFO-Forschung“ versteht. Sicher, der Zuhörer kann es erahnen; vielfach sind die Beteiligten sowieso dem Deutungsstereotyp ‚UFOs = Außerirdische Fluggeräte‘ zugeneigt (unabhängig von der eigenen Meinung dazu). Meines Erachtens wird es jedoch der unterschiedlichen Strömungen der UFO-Forschung nicht gerecht, wenn man hier nicht differenziert.

Fischinger stellt in seinem Video die Frage ohne zu definieren, welche UFO-Forschung er meint. Kennt man Fischingers Arbeiten, kann man zwar ebenfalls zu dem Schluss gelangen, dass er von einer ETH-Ufologie spricht (und damit dürfte man richtig liegen), aber – wie gesagt – es wäre einfacher, wenn dies zu Beginn gesagt wird: Die eigene Ansicht, WAS UFO-Forschung ist, ist IMMER definitionsbedürftig.

Fischingers Meinung im Video zufolge, „gehen die Themen in einander über“. Er zieht die Grenze an der Stelle, wo die Menschenheit beginnt, selbst Raumfahrt zu betreiben, und weist darauf hin, dass er selbst kein UFO-Forscher sei, sondern Prä-Astronautiker. Für ihn gibt es also eine sehr verwaschene Grenze, aber Bezüge zu einander; so richtig festlegen möchte er sich nicht, scheint aber – so nehme ich seine Ausführungen wahr – positv der Mischung der Themen gegenüberzustehen.

UFO-Forschung mit denselben Fragen

Folgen wir den Überlegungen Fischingers: Lässt sich eine Jahresgrenze ziehen zwischen Prä-Astronautik (bis 1945?) und (ETH-)Ufologie (ab 1947, 1954 oder 1961))? Ich denke nicht. Braucht es eigentlich eine eigene „Forschungsdisziplin“ namens Prä-Astronautik? Die ETH-Ufologie darf ja durchaus die Frage stellen, SEIT WANN uns Außerirdische besuchen (was die Aliens ja gemäß den Vorannahmen der ETH-Ufologie tun) und damit beginnen die Grenzen zur Prä-Astronautik tatsächlich zu zerfließen. Wenn nämlich die ETH-Ufologie beginnt, diese Frage zu stellen, dann werden zwangsläufig die von der Prä-Astronautik postulierten Nachweise und Spuren, Artefakte und Überlieferungen auch für sie  interessant. Dies ist auch durchaus der Grund, weshalb Lars Fischinger die Ausgangsfrage, ob Prä-Astronautik-Forscher strickt von UFO-Forschern zu trennen sind, zwar zögernd, aber dennoch eher negativ beantwortet. Könnte man aber dann vielleicht die Prä-Astronautik eher als eine Unterabteilung der ETH-Ufologie denn als eigenes Themengebiet verstehen? Könnte man durchaus, denke ich.

Anderer Gedankengang: Könnte nicht die wissenschaftlich-kritische UFO-Forschung auch Interesse haben an vor- und frühzeitlichen UFO-Berichten [6]? Könnte sie, hat sie [7].

Sind Prä-Astronautik-Forscher strikt von UFO-Forschern zu trennen?

Strikt zu trennen ist sicher nicht. Da ich persönlich UFO-Forschung als wissenschaftlich-kritisch verstehe, muss ich aus diesem Selbstverständnis heraus und aufgrund unterschiedlicher Prämissen Fischingers Frage „Sind also Prä-Astronautik-Forscher strikt von UFO-Forschern zu trennen?“ mit einem klaren JA beantworten. Wohl aber kann sich die UFO-Forschung um Belange kümmern, die bislang im Spektrum der Prä-Astronautik angesiedelt sind.

So kommt es, dass Fischinger und ich auf die selbe Frage wahrscheinlich eine (zumindest in Teilen) unterschiedliche Antwort geben würden. Grund hierfür ist das variable Verständnis von UFO-Forschung.

Danke, Lars, für deinen äußerst interessanten Anreiz zum Nachdenken.

  1. Das Wort Paläo-SETI setzt sich zusammen aus dem griechischen Wort für alt (palaiós) als Anlehnung an die Paläontologie und dem Begriff Search for Extraterrestrial Intelligence (Suche nach extraterrestrischer Intelligenz = SETI); übersetzt ist das die Vorzeit-Suche nach extraterrestrischer Intelligenz, besser: Suche nach extraterrestrischer Intelligenz vergangener Erdzeitalter []
  2. ETH = Extraterrestrial Hypothesis []
  3. Die ETH, also die Idee, dass Außerirdische der Stimulus für UFO-Sichtungen sind, ist die wohl populärste Hypothese, jedoch nicht die einzige. Der Einfachheit halber und um die Biege zur Prä-Astronautik zu kriegen, verzichte ich auf eine Nennung weiterer Varianten – vielleicht könnte man hier von einer Exotik-Ufologie als übergeordnete Kategorie sprechen und dann weiter herunterbrechen auf die unterschiedlichen Exoten, von denen die ETH nur eine ist []
  4. Ein UFO ist die mitgeteilte Wahrnehmung eines Objektes oder Lichtes am Himmel oder auf dem Land, dessen Erscheinung, Bahn und allgemeines dynamisches und leuchtendes Verhalten keine logische, konventionelle Erklärung nahe legt und das rätselhaft nicht nur für die ursprünglich Beteiligten ist, sondern nach genauer Prüfung aller vorhandenen Indizien durch Personen, die technisch dazu in der Lage sind, eine Identifizierung nach dem gesunden Menschenverstand vorzunehmen, falls eine solche möglich ist, unidentifizierbar bleibt. (Hynek, The UFO Experience) []
  5. „Das Kürzel UFO steht für “Unidentifiziertes Fliegendes Objekt” und hat für UFO-Forscher keinen darüber hinausgehenden Bedeutungsüberschuss. Insbesondere ist mit dem wertfreien Begriff “UFO” nicht das in der Bevölkerung weit verbreitete Deutungsstereotyp “außerirdisches Raumschiff” gemeint. Genau so wenig impliziert der Begriff „UFO” irgendeine bestimmte Form des Objekts, wie es etwa durch die populäre Phrase „fliegende Untertasse” in irreführender Weise suggeriert wird.“ (aus dem Grundkonsens der UFO-Forschung []
  6. UFOs wären hier wieder als „unidentifizierte Flugobjekte ohne Bedeutungsüberschuss“ zu verstehen, aber das dachten Sie sich wahrscheinlich bereits. []
  7. So z.B. Ulrich Magin in: Die Ufos und der Pharao. Die „Feuerkreise“ des Thutmoses III. Magin berichtet hier über die vermeintlich erste bekannte Ufo-Sichtung der Menschheitsgeschichte – ganz ohne die Vorannahmen der ETH-Ufologie, ganz ohne Prä-Astronautik. Hier geht es um einen mutmaßlichen Zeugenbericht. []

About T.A. Günter

T.A. Günter ist Mitglied der GEP und wohnhaft bei Hamburg. Nach einigen Jahren als Falluntersucher (CENAP/GEP) schreibt er heute nur noch als Beobachter der UFO-Szene.
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