Bartos Gedankenwelten

Ein Buch mit Interviews. Interviews, die der Psychologe und Journalist Sebastian Bartoschek 2011 und 2012 mit Menschen unterschiedlicher Couleur führte, und bereits an verschiedenen Stellen im Internet publiziert hat. Nun also als Buch auch für die Offline-Welt zugänglich.

Da Bartoschek auch GWUP-Mitglied ist und somit die sogenannten Parawissenschaften für ihn kein unbekanntes Terrain bedeuten, sind die Gedankenwelten der Befragten vielfach in diesen Bereichen anzusiedeln. Das macht es aber gerade besonders interessant und ungewöhnlich. Normalerweise kommen die meisten Menschen nicht explizit und tiefgreifend in Berührung mit anomalistischen Themen, auch wenn sie vielleicht marginal davon hier und dort gelesen oder etwas darüber gesehen haben, aufbereitet von Boulevard- und Massenmedien. Dass hier oft mit Spott, Distanzierung und Überzeichnungen agiert wird, ist bekannt. Selten genug werden Menschen, die sich mit parawissenschaftlichen Themen befassen (aus welcher Perspektive auch immer), ohne Bewertung vorgestellt. Das vorliegende Buch von Sebastian Bartoschek ist eine der wenigen Ausnahmen. Bartoschek behandelt jeden Interviewten fair und lässt ihn einfach über sich und sein Thema erzählen ohne darüber zu urteilen. Die kurzen Kommentierungen als Einleitung jedes Interviews sind neutral, auf eine Bewertung hier oder als Fazit hat er verzichtet. Das hätte wahrscheinlich nicht jeder so gemacht. Bereits im Vorwort, geschrieben vom »Hoaxmaster« Alexander Waschkau, wird dies als besondere Stärke des Interviewers hervorgehoben. Und letztlich ist das auch die Stärke des Buches.

Ein bunter parawissenschaftlicher Themenstrauß

Interviewt werden: Markus Hemmler (Kryptozoologe), Dietmar Speth (Fußballastrologe), Arik Platzek (Humanistischer Journalist), Andreas Kyriacou (Schweizer Skeptiker u. Freidenker), Florian Freistetter (Wissenschaftsblogger und -autor), Lorenz Meyer (Charismatischer Sheng Fui Sektenguru), Bernhard Hoëcker (nachdenklicher Comedian), Ralf Neugebauer (Jurist und Blogger), Esowatch / Psiram (anonymes Internetportal), David Rovics (politisch aktiver Songwriter), Aran Aryono (Kurator des deutschen Jedi-Ordens), Alexander Knörr (Vorsitzender der DEGUFO), Ray Hyman (Mitbegründer des modernen Skeptizismus), Werner Walter (CENAP-Mitbegründer), Erich von Däniken (Präastronautik-Urgestein).

Ein bunter Themenstrauß parawissenschaftlicher Themen. Die ausgewählten Personen sind – jeder auf seine Art – speziell oder werden zu einem speziellen Thema befragt. Wir lesen u. a. über Fußballastrologie, humanistische Themen und Kryptozoologie. Je nach eigener Interessenlage: Manche Passagen und Aussagen ziehen recht schnell vorüber, andere geäußerte Gedanken und auch ganze Interviews sind ausgesprochen spannend und nachhaltig.

So ist z. B. von Lorenz Meyer – den ich im Januar 2013 in Hamburg höchstselbst erleben durfte – zu erfahren, wie die Welt entstanden ist und wie man selbst der Religion »Sheng Fui« beitreten kann. Hier treten sich dann auch zwei Menschen – Meyer und Bartoschek – gegenüber, die es herrlich verstehen, sich gegenseitig den satirischen Ball zuzuwerfen, dass das Lesen eine Freude ist. Etwas ernsthafter geht es dann wieder bei Florian Freistetter zu, der ausführlich über sein sehr erfolgreiches Blog spricht und weshalb es so selten ist, dass Wissenschaftler ihr jeweiliges Metier publikumswirksam und verständlich unter die Leute zu bringen. Mit UFOs (wenn auch hier thematisch nicht angesprochen) übrigens insoweit zusammenhängend, dass Freistetter als Astronom und Blogger sich gelegentlich auch damit befasst hat. Dem Skeptizismus im Allgemeinen widmet sich der Comedian Bernhard Hoëcker (Switch, Genial daneben) und offenbart sich dabei als heller Kopf und amüsanter Gesprächspartner. Ergänzend hierzu kommt auch Ray Hyman zu Wort, der Mitbegründer des modernen Skeptizismus, der sich an einer Stelle erstaunlich selbstkritisch äußert. Und sogar einen Jedi, Aran Aryono, hat Bartoschek interviewt und ich habe gelernt, dass die ursprüngliche Idee des Jediismus als ernsthaft verstandene Religion nicht dem Star-Wars-Universum entsprungen ist, sondern lediglich Begrifflichkeiten adaptiert hat. Bunt, wie gesagt.

Aus dem gesamten Fundus befassen sich 2 Beiträge mit UFOs (Knörr, Walter) und 1 Beitrag mit Präastronautik (Däniken).

UFOs: Fail!

An dieser Stelle ist sicherlich die UFO-Thematik von besonderem Interesse. Hierzu wurde Alexander Knörr (Vorsitzender der DEGUFO) befragt. Nach einer kurzen Anmerkung über die DEGUFO und den persönlichen Werdegang kommt man über Knörrs Buch »UFOs im 21.Jahrhundert« und die darin enthaltene Kritik am Skeptizismus auf die (milde ausgedrückt) Differenzen mit CENAP. Knörr schildert hier seine Sicht der Dinge, weshalb er CENAP (und insbesondere dessen Mitbegründer Werner Walter) für die UFO-Forschung untragbar hält, und dass er diesbezüglich für die gesamte UFO-Forschungsszene zu sprechen meint. Dem gegenüber ermöglicht Bartoschek auch Werner Walter alsdann seine Sicht darzustellen (was ja wiederum auch sehr fair ist); leider nutzt dieser nicht die Gelegenheit sich selbstkritisch mit den Vorwürfen auseinanderzusetzen, sondern weicht aus und kontert Knörr gewohnt ruppig. Der Mehrwert der beiden Interviews ist daher m. E. begrenzt.

Für UFO-Szene-Kenner mag der Schlagabtausch zwischen Alexander Knörr (DEGUFO) und Werner Walter (CENAP) nichts Neues, vielleicht sogar irgendwie noch interessant sein. Für interessierte Leser, die eigentlich mit der UFO-Szene nichts am Hut haben, wird die eine oder andere Stelle vielleicht etwas merkwürdig anmuten. Da hacken zwei UFO-Leute aufeinander ein und verlieren sich in Anspielungen (»erstunken und erlogen«, »das ist nur die Spitze des Eisberges«), die der Leser nicht nachvollziehen kann. Das ist sehr schade. Um das Phänomen an sich geht es nur marginal, etwa wenn Alexander Knörr Stellung zu den Vorwürfen nimmt, exotische Deutungsmodelle hinsichtlich des UFO-Phänomens zu bevorzugen. Deutlich wird dies auch anhand der Fragen des Interviewers, die ganz klar darauf abzielen, über das Zerwürfnis mit CENAP zu sprechen. An sich okay (fragen kann man ja), taugt das Thema jedoch nicht dazu, repräsentativ über UFOs, ja nicht mal repräsentativ über die UFO-Szene zu sprechen.

Somit muss man sagen, dass der UFO-Teil des Buches kein gutes Licht auf die UFO-Forscher-Szene wirft, geht es doch nicht um das Phänomen an sich und z. B. mit welchen Methoden man dieses zu erforschen gedenkt, sondern um die Fehden und Grabenkämpfe zwischen CENAP und allen anderen. Das mag einen (unschönen) Teil der Realität abbilden, zeigt dem unbedarften Leser aber nicht, wie seriöse UFO-Forschung eigentlich funktioniert. Als Ausgleich hätte ich mir hier einen Vertreter der ergebnisoffenen, kritischen UFOForschung gewünscht, der einfach über seine Arbeit erzählt (über ein solches Interview mit Gerald Mosbleck in einem anderen Buch bin ich übrigens zur GEP gekommen). Ich hoffe, dass diese Gelegenheit in einem Nachfolgeband gegeben wird. Und wie ich Sebastian Bartoschek kenne und einschätze, wird er diese von mir gemeinte UFO-Forschung noch näher beleuchten. Für das vorliegende Buch ist das Fehlen dieser Perspektive auf die Thematik zwar ein Manko, aus meiner Sicht jedoch das einzige. Und immerhin bezieht sich dies nur auf zwei Interviews.

Der weise alte Mann der Präastronautik

Großartig und sehr interessant wiederum ist das Interview mit Erich von Däniken zur Präastronautik. Sebastian Bartoschek selbst ist – wie so viele – über die Däniken-Bücher zu den Parawissenschaften gelangt. Inzwischen ist der ehemalige Däniken-Anhänger ein Skeptiker und es ist ihm nach einem Vortrag in Bielefeld, gelungen, seinem früheren Idol auf den Zahn zu fühlen. Däniken selbst war sich bei dem Interview vollbewusst, dass er es mit einem Kritiker zu tun hat. Respekt dafür, sich diesem so offen gestellt zu haben. So haben mir die gestellten Fragen hier auch sehr gut gefallen. Kritisch, aber nie respektlos. Nachhakend, aber nie zerfasernd. Däniken brilliert übrigens bei seinen Antworten und zeigt, was für ein guter Rhetoriker er ist. So gelingt es Sebastian Bartoschek nie, ihn irgendwie zu fassen oder gar festzunageln (und wer die Audio-Version des Interviews kennt, weiß, dass Däniken stets ohne zu Zögern und mit fester Stimme die Fragen beantwortet). Und interessant sind sie, die Antworten des »weisen alten Mannes der Präastronautik«. Lesenswert.

Fazit

Wessen Interesse ausschließlich UFOs gilt, wird hier natürlich kaum Befriedigung finden (und ist besser damit beraten, die betreffenden Interviews online zu lesen). An Menschen und Parawissenschaft im Allgemeinen und Speziellen interessierte Personen sollten zugreifen. Die Lektüre ist kurzweilig und vielfältig. Die Gedankenwelten, die Sebastian Bartoschek vorstellt, sind bunt. Er, der Skeptiker, fragt, ohne die ihm gegebenen Antworten zu bewerten. Dies auszuhalten wird vielleicht jenen, die sich sonst so Skeptiker nennen, oftmals aber eher Dogmatiker sind, nicht immer leicht fallen. Sebastian Bartoschek hält es nicht nur aus, sondern er forciert es. Und ist damit ein Skeptiker im besten Wortsinne.

T. A. Günter

125 Seiten, broschiert, farbige Fotos, ISBN: 978-3-944342-10-8, EUR 12,95
JMB Verlag
www.jmb-verlag.de
Hannover, 2013

Quelle: JUFOF Nr. 205: 24 ff

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About T.A. Günter

T.A. Günter ist Mitglied der GEP und wohnhaft bei Hamburg. Nach einigen Jahren als Falluntersucher (CENAP/GEP) schreibt er heute nur noch als Beobachter der UFO-Szene.
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